Rechts oder links?

Ich lese noch einmal die letzten Zeilen des letzten Blogeintrags: „… und werden es morgen langsam angehen.“

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In diesem Bewusstsein haben wir Åkrestrømmen mit schweren Beinen vom Vortag verlassen und wollten uns auf eine 25 km Tour am Ostufer des Storsjøen bis Sjølia aufmachen. Dort verhieß uns unsere Karte einen Campingplatz. Beim Losfahren war es schon kurz vor Mittag, so dass wir auch schon bald die erste große Pause einlegten. Nach einigen knackigen Anstiegen und netten kurzen Abfahrten am See, mussten wir feststellen, dass es den Campingplatz nur noch als privaten Platz für Dauercamper gibt. Puh, da war unsere Luft körperlich und mental erst mal raus. Oberhalb von Sjølia, gab es immerhin eine kleine schöne Kirche mit frischem kaltem Wasser und einer offenen Toilette.

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Hier haben wir nochmal eine größere Pause eingelegt und gemerkt, wie gut uns dieser Ort bei der Kirche tat. „Kraftort“ klingt vielleicht zu esoterisch, aber wir merken immer wieder, dass uns Kirchen sehr guttun. Auf der Open-Street-Map im Handy entdeckten wir schließlich noch eine „Camping-Site“ in 12 km Entfernung. Bis zum nächsten Platz auf der Karte wären es noch 36 km – zu dem Zeitpunkt für uns unvorstellbar. Neu motiviert und erfrischt stiegen wir auf die Räder, um nach 12 km und einer feinen Abfahrt festzustellen, dass es auch den Platz nicht in der Realität gibt. Geeignete freie Plätze fanden wir leider auch nicht – das scheint hier weiter im Süden von Norwegen schwieriger zu werden da, die möglichen Flächen oft landwirtschaftlich genutzt werden, privat oder unzugänglich sind. Also noch mal 24 km. Das kostete uns wiederum viel Eigenmotivation. Allerdings hat Noah gut dazu beigetragen die Stimmung hoch zu halten und immer wieder erzählt und gesungen.

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Mittlerweile wissen wir, dass es auf norwegischen Straßen kein „nur bergab“ gibt und die Gegenanstiege auch in Flusstälern es oft in sich haben. Bei diesen 24 km hatten wir aber sowohl das Gefühl immer leicht bergab zu „fließen“ als auch tatsächlichen Rückenwind. Wir waren im Flow.

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Ich traue es mich kaum zu schreiben, aber auch an besagter Stelle war nur ein Schild für Hütten zu lesen aber keine Möglichkeit zum Zelten. Also noch einmal anhalten, Riegel, Bananen und andere Kohlenhydrate einschmeißen und weiter nach Rena fahren. Der Ort hat übrigens seinen Namen vom gleichnamigen Fluss Rena (=Rentier-Fluss), auch wenn wir seit der Femundsmarka keine Rentiere mehr gesehen haben. In Rena kamen wir dann auch irgendwann auf dem Zahnfleisch an und fragten uns, wofür das wohl alles gut war?! Zusammenfassung: Nix mit „langsam angehen“. Am Ende wurde es unsere Königsetappe.

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Der Platz in Rena war nett, aber nicht wirklich hyggelig, so dass wir beschlossen, es jetzt wirklich langsam angehen zu lassen und nur weiter bis Elverum zu fahren. Vorher statteten wir noch der offenen Holzblockkirche und zwei Sportläden einen Besuch ab. Die Sportläden in Rena und auch drei weitere hier in Elverum konnten uns mit dem angeknacksten Zeltgestänge bis jetzt nicht weiterhelfen. Aber noch hält es sehr gut. Ist vielleicht auch unser Sicherheitsdenken.

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In Rena vereinigen sich die Flüsse, Rena und Glåmå und wie wir vorher schon geschrieben hatten, wollen wir die Glåmå bis fast vor Oslo begleiten. Glåmå scheint so viel zu heißen, wie Glimmer-Fluss und es sind tatsächlich richtig viele Glimmerpartikel im Flusssand.

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In Elverum sind wir nun nach knapp 40 km angekommen und genießen hier die Badestrände am Fluss. Für die weitere Planung nach Oslo, haben wir schließlich auch die potentiellen Campingplätze genauer im Internet recherchiert mit dem Ergebnis, dass es zu wenig für die Länge unserer Tagesetappen gibt. Dann kam uns die Idee, westlich nach Hamar an den Mjøsa (der größte See Norwegens am südlichen Ende vom Gudbrandsdal) zu fahren und dort das Schiff bis nach Eidsvoll zu nehmen. Das schien die Lösung zu sein, bis uns auch hier Bedenken kamen: Die Straße 3 bis Hamar ist sehr viel befahren und hat auf den ersten 15 km keinen Radweg, ab Eidsvoll gibt es auch keinen Campingplatz bis Oslo und den Kontakt, den wir über warmshowers (warmshowers.org ist eine Plattform, wo Radreisende anderen Radreisenden eine Unterkunft für eine Nacht bieten) angeschrieben haben, hat sich bis jetzt nicht zurückgemeldet. Allerdings gibt es kurz vor Hamar einen Laden, der Helsport (die Marke unseres Zeltes) führt und wahrscheinlich ein neues Gestänge hat.

Da wir auch für Noah die Verantwortung tragen, merken wir, wie wir mit diesen Fragen und Unsicherheiten auch unsere Komfortzone verlassen. Und der Gedanke schon in ein paar Tagen in Oslo zu sein, macht uns etwas wehmütig und zu schaffen, da wir dann schon bald Norwegen verlassen werden. Der Gedanke an zu Hause und das Ende der Reise ist bei Anja und mir noch sehr weit weg. Noah hingegen freut sich immer mal wieder auf unser Haus, unseren Garten und seinen Kindergarten. In letzterem ist er aber gar nicht mehr, was er dann auch realisiert.

Mit diesen Gedanken und Fragen haben wir in Elverum noch einen Tag Pause eingelegt und wissen immer noch nicht, ob wir gleich nach rechts nach Hamar abbiegen sollen oder doch nach links der Glåmå folgen. Beides wird spannend und wir freuen uns auf neue Begegnungen.

Diese PS-Monster, die ab heute hier ihr Jahrestreffen haben, machen uns den Abschied von Elverum auf jeden Fall nicht schwer…

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Ein Gedanke zu “Rechts oder links?

  1. Tusen takk for hyggelig besøk. Dere er noen flotte mennesker som la igjen gode minner hos oss.
    Vi ønsker dere lykke til videre på ferden.

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