Jetzt abfahren? Oder einfach weiterfahren?

Genau diese Frage stellte ich mir, als wir auf die Autobahn-Abfahrt Darmstadt-Eberstadt zufuhren. Eberstadt, der Ort an dem unser Haus steht und den wir vor knapp drei Monaten zurückgelassen haben. Was wäre passiert, wenn wir einfach weitergefahren wären? Sind wir dann aber nicht.

Als ich den Blinker zum Abbiegen gesetzt habe, fragte uns Jannis, wie fühlt sich das jetzt für Euch an? Bam, was für eine Frage? Die traf, die hat das Gefühl der ganzen Rückfahrt auf den Punkt gebracht: Es war eine matte Schwere in der Magengegend, die tiefe graue Trauer, dass etwas ganz Wunderbares jetzt gleich zu Ende sein wird. Die Ernüchterung und Leere nach dem Erreichen eines Ziels. Trockene Tränen in den Augen, gepaart mit der Vorfreude unsere Tochter Ammely und unsere Freunde wieder zu sehen und in die Arme zu schließen. Es war auch ein Hauch von „das-haben-wir-jetzt-wirklich-gemacht“ dabei – nicht stolz, sondern eher sachlich vielleicht sogar ein wenig demütig.

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Die Schwere wurde rasch von einer Ausgelassenheit und Feierlaune abgelöst. Es war so schön, dass nicht nur Jannis uns abgeholt hat und uns in die reale Welt reimportiert hat, sondern auch Ammely da war, als wir ankamen. Ein Gefühlscocktail, der kaum in Worte zu fassen ist. Schon kurz darauf kamen unsere lieben Nachbarn Sabine, Matthias, Laura und Jan mit Luise auf die Terrasse rüber und brachten sogar noch leckeres Essen mit. So saßen wir eine Weile zu zehnt da und tauschten uns aus. Das Auto blieb einfach halb ausgeräumt in der Einfahrt stehen. Morgen ist ja auch noch ein Tag. Der spontane Empfang hat uns überwältigt und uns den Einstieg in die „Heimat“  – was ist das eigentlich? Das sind doch die Menschen und Beziehungen, die man pflegt – leicht gemacht.

Was ist vorher noch passiert? Jannis, der heimliche Logistiker unserer Tour, kam mit dem VW-Bus nach Dänemark gefahren, um uns und die Räder abzuholen. Dies hatte er dankenswerterweise schon im Vorfeld angeboten. Ehrlich gesagt, hatten wir auch ein bisschen Angst, auszuprobieren, ob das Tandem + Gepäck und die deutsche (bzw. dänische) Bahn kompatibel sind. Unseren letzten Ruhetag haben wir schließlich gemeinsam mit Jannis am Ostseestrand in Hou verbracht.

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Am Sonntag ging es weiter zu Noahs Großeltern nach Gütersloh und montags dann zurück nach Darmstadt. Noah war so glücklich, dass es sowohl in Gütersloh als auch in Darmstadt Pizza gab. Danke an die Pizzabäcker Oma Helga und Ammely!!! Beide Teile der Rückfahrt erlebten wir im Geschwindigkeits- und Gefühlsrausch. Eben noch ein letztes Mal im Meer baden und schon zurück im eigenen Bett.

Was für eine Umgewöhnung. Ich bin in beiden Nächten aufgewacht und wusste erst mal gar nicht, wo ich war und warum das Zelt über mir auf einmal so groß ist. Noah wollte schon gar nicht erst ins Bett, da er Angst hatte, weil es dunkel war und unser Haus so viele „mysteriöse“ Ecken hat. Wir sind aber dran, uns wieder hier zurechtzufinden.

Was bleibt? Der erste Versuch eines Resümees:

  1. Schon jetzt spüren wir eine gewaltige kreative Energie in uns und wollen Haus und Hof gestalten. So hielten wir auf der letzten Etappe beim „Rasthof“ Ikea in Siegen, da dort die WC-Benutzung umsonst ist …. Jannis wollte auch nur mal kurz in der Fundgrube schauen … die Zwischenzeit haben wir dann genutzt und ein paar „Knöpfchen“ (würde Kurt Tucholsky sagen (vgl. den Roman Schloss Gripsholm)) besorgt. Tja und heute stolperten wir aus irgendeinem Grund in einen Baumarkt… Die kreative Energie zu bändigen ist aber auch etwas Schönes.
  2. Weiter wollen wir in der Zukunft gerne mehr Zeit für unsere Beziehung und die zu anderen Menschen bereithalten und dafür weniger arbeiten. Was ist denn wirklich wichtig im Leben?
  3. Wir glauben auch, dass eine regelmäßige gemeinsame Auszeit, vielleicht einmal pro Monat ein sogenanntes Mirco-Adventure, für uns wichtig ist. Einfach mal rausgehen, vielleicht mit Schlafsack und Zelt, mit dem Rad oder mit Wanderschuhen. Je einfacher, desto besser. Gerne auch zusammen mit Freunden. Vielleicht auch mal der Besuch in einem Kloster oder das Spielen und Gestalten mit Naturmaterialien. Im Bereich „Auszeiten vom Alltag“ haben uns Beate und Olaf, die das Buch „Leben mit tausend Sternen“ geschrieben haben, inspiriert. Danke für Eure Motivation und Eure Ideen.
  4. Wann brauche ich wirklich das Auto und was kann ich alles mit dem Rad erledigen? Noch so eine Frage, die uns bewegt. Wir können uns nicht über Klimaerwärmung und zu heiße Sommer aufregen und so weitermachen, wie bisher! Während der Tour hat es uns immer wieder beschäftigt, wie viele und welcher Art Ressourcen wir benötigen. Beim Unterwegssein in der Natur, haben wir immer sehr deutlich gesehen, wie viel Müll wir jeden Tag produzieren, da wir den Müll ja bis zur nächsten Entsorgung mit uns rumgeschleppt haben.
  5. Schönheit und Styling – wie wichtig ist das eigentlich? Einen extremen Kulturschock erlebten, wir als wir aus der Natur in die aufstrebende Metropole Oslo kamen. Was sich bereits im ländlichen Bereich durch das Vorhandensein von Haut- und Fußpflegepraxen im Nirgendwo abzeichnete, traf uns in Norwegens Hauptstadt mit voller Härte. Die Maxime des Schön- und Gestylt-Seins, scheint für viele Menschen als oberste Priorität über allem zu stehen. Skandinavien ist da sicher keine Ausnahme, aber dort wurde uns der Kontrast sehr viel deutlicher. Nichts gegen ein gepflegtes Äußeres, uns jedoch befriedigt das „Sein“ in der reellen Natur sehr viel mehr, als der artifizielles „Schein“ in der Stadt.

Details zu diesen ersten fünf Resümees, diskutieren wir gerne mit Euch weiter.

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Neben den unentbehrlichen Ausrüstungsgegenständen, wie Isomatte, Zelt, Schlafsack und Bibel, sind das die fünf ultimativen Dinge, die wir auch auf die nächste Tour wieder mitnehmen würden:

  1. Kleidung aus Merinowolle – wir haben von Socken über Unterwäsche, T-Shirts und Kapuzenjacken alles aus Merino einem Langzeittest unterworfen und sind begeistert.
  2. Holzkocher – wir haben fast keinen Spiritus verbraucht und überall genug trockenes Holz gefunden. Leider reduzierte sich der Einsatz mit steigender Trockenheit wegen wachsender Waldbrandgefahr. P1010640
  3. Ein großes dünnes Bauwolltuch – vielseitig einsetzbar als: Umziehhilfe am Strand, Handtuch, Schal, Kopftuch, …P1040083
  4. Ein Lammfellchen – war eigentlich als Sitzunterlage für Noah auf dem Pino (Tandem) gedacht. Wir entdeckten auf der Tour den erweiterten Einsatzbereich als wärmende Schlafsackbeigabe und Kopfkissenersatz (Anja: „weltbestes Outdoorkissen!“).
  5. Shampoo in Form eines Seifenstücks, bei uns von der Firma „Lush“ – geringes Gewicht, geringer Verbrauch und für die Ganzkörperpflege geeignet.

 

An dieser Stelle möchten wir uns schon mal bei allen Lesern des Blogs in aller Demut bedanken. Eure Kommentare und Nachrichten haben uns immer wieder erfreut, motiviert und inspiriert. Der Blog war für uns so etwas, wie die Nabelschnur zur Heimat.

Wer von uns eine Postkarte zu Weihnachten bekommen möchte, kann uns gerne seine Postanschrift schicken. Als Nachricht im Blog oder an jvarnholt@web.de

Wir sind aber auch an einem Buchprojekt zur Tour dran. Wer mehr darüber erfahren möchte, ob es realisiert wird und wann es erscheint, kann uns gerne seine Mailadresse schicken.

Ansonsten ist der Blog weiterhin offen und wird von Zeit zu Zeit mit unseren Gedanken und Begegnungen zum Alltag und zum Leben gefüllt.

Zuletzt noch je ein vorher und nachher Bild:

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